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Beschreibung

Wenn alles vorbei ist, nach 98 Minuten, klatscht man sich ein Handtuch ins Gesicht, zupft sich die Reste der verkokelten Augenbrauen aus. Massiert sich die rauchenden Ohren, fühlt den eigenen Puls und fragt sich: Was, zum heiligen Henker, war das?
Das war ein Film.
„Nur ein Film“ sagt man ja manchmal, wenn man sich selbst beruhigen will. Wenn im Kino etwas zu grauenhaft wird, wenn einem die Bilder zu nahe kommen, ins Gesicht springen, wenn es körperlich wird. Bei RAMMSTEIN: PARIS funktioniert der alte Beschwichtigungstrick leider nicht, denn dieser Film — gedreht am 6. und 7. März 2012 in Paris, als die derzeit größte deutsche Rock-’n’-Roll-Band auf ihrer „Made in Germany“-Tournee zwei Abende lang im Palais Omnisports im Stadtteil Bercy spielte, brannte, donnerte — lässt wirklich alles auf seine Zuschauer niederbrechen, was sie auch in der echten Rammstein-Show am eigenen Leib spüren würden. Eine Attacke aus Blitz und Dunkelheit. Eine Sinfonie der Triebe. Ein muskulöses Date mit den Gladiatoren der Liebe. Musik. Theater. Feurige Umarmung. Wie schon oft bei dieser Band gesagt: ein Gesamtkunstwerk. Wer „RAMMSTEIN: PARIS“ gesehen hat, wird nie wieder sagen, er wäre nicht dabei gewesen.

Der schwedische Regisseur Jonas Åkerlund ist ja berüchtigt für die radikalen, stilbildenden Videos, die er mit Bands wie The Prodigy, Metallica, den Rolling Stones und eben auch Rammstein gemacht hat. Durch seine Musikinszenierungen flackern irrwitzige Details, umgestülpte Perspektiven, Kontrast-Schocks, Sinnesverwirrungen — und in RAMMSTEIN: PARIS zelebriert er das von Minute eins an. Wenn sich der Bühnensteg über die Köpfe der 17.000 Zuschauer senkt, das Bild in statischen Interferenzen zuckt und surrt, man hin- und hergeworfen wird zwischen Close-up und Vogelblick. Wenn dann die sechs Helden einmarschieren, als Steampunks, Ritter, Heizer, ölige Rächer. Und die Show losbricht, der metallische Mitternachtszirkus, der große Feuerball. 16 Songs spielen Rammstein im Film, die Skala reicht von „Wollt ihr das Bett in Flammen sehen?“, dem ersten Song der allerersten Platte, bis zu „Frühling in Paris“, der herrlichen (und geografisch passenden) Entjungferungsballade vom letzten Studioalbum „Liebe ist für alle da“. Und so wie diese Band aus Berlin vor über 20 Jahren einen ganz neuen Blick, eine neue Herangehensweise an den Rock ’n’ Roll eröffnete — so schafft „RAMMSTEIN: PARIS“ einen völlig neuen Blick auf Rammstein.

Und dieser Blick ist eigentlich ein Paradoxon: Nähe und Distanz, Panorama und Detail oder, wie Sigmund Freud sagen würde, Da und Fort. Um Rammstein in Concert fassen zu können, muss man sie im Weitwinkel sehen, der einen die Höhe der Flammen und Dampfsäulen richtig schätzen lässt, die brachiale Mannschaftsleistung. Andererseits braucht man die unmittelbare Anschauung, die Nahaufnahme der Mimik, wenn Sänger Till Lindemann seinen Keyboarder Flake Lorenz im Topf kocht, das stumpfe Schillern von Schlagzeuger Christoph Schneiders Kettenhemd, die ganze Beinarbeit oder die Freude in den Augen der Umstehenden, wenn Flake auf der kleinen B-Stage den blanken Hintern zeigt.

Es ist Åkerlunds grenzenlos irre Editing-Technik, die genau das möglich macht. Im Film sind wir Rammstein fern und nah zugleich, auf dem Geierfelsen gegenüber der Bühne und doch so eng am haarigen Herzen Till Lindemanns, dass wir blutig hineinbeißen könnten.

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